Publiziert im Buch «Anarchie und Aerosol»
zur gleichnamigen Ausstellung
im Historischen Museum Baden


Subway Monk

Gen U One, aka Gen Atem – die Kids von heute senken bei seinem Namen immer noch ehrfürchtig die Stimme. Ihn, den Unsichtbaren, umflort die Aura der Legende, obwohl seine Werke zum grossen Teil von den Hausfassaden verschwundenn sind, und er selbst den Abschied von der Garde der aktiven Sprayer vor einiger Zeit gegeben hat. Der Mythos sieht in ihm den Übervater, die Leitfigur und den Innovator der Zürcher Sprayszene; gleichzeitig gilt er als undurchdringlicher Einzelgänger, der gegen das Unverständnis seiner Spraygenossen anrannnte, aber dennoch respektiert, wegen seiner Konsequenz bewundert und gerne kopiert wurde.

1984, als die Jugend die letzten Zuckungen des Aufbegehrens mit der Apathie vertauschte, begann er, sich durch die stadtzürcherische Ödnis zu taggen. Der 17jährige Grafikstift, der damals unbescheiden mit Genius signierte, war einer der ersten in der Szene. Jahre später zog er sich als einer der radikalsten zurück, nachdem er die Grenzen des Genres gesprengt hatte. Die Dose war ihm schon lange nicht mehr genug gewesen. Er experimentierte bald mit Schablone, mit Pinsel und Farbroller, ja mit Schweissbrenner und Lötkolben, mit denen er zu nächtlicher Zeit die besprayten Objekte zusätzlich in dreidimensionale Installationen verwandelte. Für ihn, als Künstler, und als solcher versteht sich Gen U One heute in erster Linie, war Sprayen nur ein Ausdruck unter vielen, neben Performances, Videokunst, Musik und Objekten. Auf keinen Fall will er sich als Repräsentant der sogenannnten Graffiti- oder einer sonstigenn Szene sehen, obwohl er seinerzeit als King der Attacking Vandalism Criminals viel fame erntete. Bei Tageslicht lebt AVC weiter in A Virtuous Company, einer Ateliergemeinschaft in Zürich-Nord, in der Gen U One die legalen Methoden ausprobiert, zu Fame, vielleicht gar zu finanziell lohnendem, zu kommen. Hier entstehen seine Fresken aus Abfallobjekten, hier arbeitet er mit Computer, Scanner und Kamera an einem Buch und dem dazugehörigen Video. Die Story handelt vom totalen Krieg der Zeichen, vom apokalyptischen Kampf der «letter formations». Angesiedelt ist sie in einer fernen Zeit, in der das Zeichen nur noch pure Aggression und Gewalt ist, losgelöst von jeglichem Inhalt.

Pfeilspitzen, Messerklingen, Stilette durchbohren den Buchstaben und wachsen ihrerseits wieder aus den verwinkelten Ecken heraus. Keine versöhnlichen Rundungen mehr, nur noch metallische Schärfe und drängende Kraft. Das sind die Kennzeichen des «Ikonoklast Panzerism», eines Styles, den Gen U One in seinen New Yorker Jahren beim Sprayer Rammellzee gelernt hat. Für diesen kam die Schrift, wie er in einem Pamphlet festhielt, «der Bedeutung eines militärischen Rüstungsgutes gleich – ein Bilden von Symbolen der Zerstörung und des Todes. Der Zerstörung des Alphabets. Der Tod des Wörterbuches.» Fasziniert von dessen Fantasmen hatte Gen U One um Aufnahme in die streng hierarchisch gegliederte Crew des Mystikers der Subway-Schächte gebeten und sich dort vom Handlanger und Dosenschüttler zum Grandmaster hinaufgearbeitet. Zu seiner Inauguration widmete der Meister ihm folgende Sätze: «Gen U One, Tag Master Killer and Possessor of the Letter U. General of the unreadable One. Rammellzee's lieutenant in the military formation functions of Ikonoklast Panzerism.

Die finstere Militanz von Rammellzee's Sprache, seine wirre Symbolik – eine Mischung von mittelalterlichen Beschwörungsformeln und pseudowissenschaftlichen Gleichungen – haben ihren Niederschlag bei Gen U One gefunden. Aus dem Novizen ist nun ein Mönch geworden, ein Subway Monk und Bewohner düsterer Abgeschiedenheit, was er auch durch seinen Auftritt – Schwarz in Schwarz, schwarzbebrillt und mit bedecktem Haupt – deklariert und inszeniert. Er sieht sich in der Linie der Mönche des Mittelalters, welche als einzige in der Sphäre der Unwissenheit im Besitz der Schrift und damit auch der Macht und der Kommunikationsmittel waren. So wie sich im verschlungenen Geflecht der gotischen Majuskeln geheimes Wissen offenbarte, so wird der Tag oder das noch unlesbarere Signoverture zu einem Menetekel, das die bedrohlichen Mächte der Schriftguerilla verrät. In einer Welt, in der das Zeichen regiert, wird Ausdruck zum Angriff, auch wenn das die Kids von heute nicht wissen und auch nicht kümmert. Von seiner mönchischen Schreibstube, seinem nach gegossenem Polyester riechenden und mit digitalem Gerät vollgestellten Atelier in Zürich-Oerliikon aus verfolgt der Subway Monk die Entwicklung unserer Galaxie jedenfalls mit wachsamen Augen.